Gott neu denken?!

Bei Punktsieben wurde am Spargelmarktwochenende leidenschaftlich über unterschiedliche Gottesvorstellungen diskutiert.

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Gut 90 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßte Paula Glogowski im Namen des Teams von Punktsieben zur 50. Veranstaltung der Erwachsenenbildungsinitiative unserer Kirchengemeinde. Der Journalist und katholische Theologe Michael Schrom leitete seinen Vortrag mit den skeptischen Fragen seines eigenen Sohnes ein, der von seinem Vater u.a. wissen wollte, warum Gott heutzutage keine Wunder mehr wirkt, und daran zweifelt, dass Gott über jeden einzelnen Menschen Bescheid wissen soll. Die Zweifel seines Sohnes könne er selbst gut nachvollziehen.

Schrom selbst hält den Übergang vom kindlichen zum erwachsenen Glauben für eine kritische Phase. Denn auf die Selbsterklärung der Tradition sei kein Verlass mehr. Evangelische und katholische Kinder machten zusammen nicht mal die Hälfte der Schulklasse seines neunjährigen Sohnes aus. Schrom drang daher auf eine zeitgemäße und anschlussfähige Rede von Gott. Dazu brachte er den sogenannten Panentheismus ins Spiel. Angesiedelt zwischen Pantheismus (Gott ist eins mit der Welt) und Theismus (Gott existiert außerhalb der Welt) besagt diese Gottesvorstellung, dass die Welt ein Teil von Gott ist. Die Trennung von Gott und Welt wird so aufgeweicht, wie es nach Schroms Verständnis auch der Botschaft des Neuen Testaments entspricht, da Jesus die Distanz zwischen Gott und Welt überwunden hat.

Wie notwendig eine Veränderung der Gottesvorstellung ist, machte er an verschiedenen Denkbeispielen anschaulich: von der Frage, wie es denn um das Heil der Menschen bestellt sei, die – weil in einem anderen Kulturkreis geboren – nie etwas vom jüdisch-christlichen Gott gehört haben und sich daher auch nicht für oder gegen den Glauben entscheiden konnten, bis hin zum Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaften. Michael Schrom forderte deshalb eine neue geistige Kategorie, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen ist, die niemanden ausschließt, die nicht unterscheidet zwischen Gläubigen und Ungläubigen, in der die Gotteserfahrung nicht an einen bestimmten Kult und auch nicht an die Mitgliedschaft in einer bestimmten Religion gebunden ist, die achtsam gegenüber der Natur und unabhängig vom Expertenwissen und der Deutungsmacht einer Priesterkaste ist.

Die Gegenrede zu diesem Vortrag hielt Prof. Dr. Manfred Oeming, Ordinarius für Alttestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg. Für ihn sind biblische Gottesbilder nicht kompliziert, sondern erfrischend einfach: die Mutter, die tröstet, der gutmeinende Vater, der gute Hirte. Das Alte Testament weise viele Wege zu Gott, selbst in einer sehr erotischen Variante im Hohelied Salomos. Doch etwas Unbegreifliches bleibe bei der Frage nach Gott einfach bestehen und damit auch die Trennung von Welt und Gott.

In der anschließenden Diskussion ging es teilweise sehr emotional zu, vom klassischen Einwand der Theodizee – wenn Gott allmächtig und gut ist, warum lässt er Leid zu – bis hin zum Verhältnis von Glaube zu Natur und den Inhalten sonntäglicher Gottesdienste. Michael Schrom forderte insbesondere mehr Sorgfalt und Respekt in der religiösen Sprache. Von den meisten religiösen Ritualen und Liedtexten im christlichen Gottesdienst fühlten sich viele nicht mitgenommen. Pfarrerin Wibke Klomp gestand ein, dass moderne Theologinnen und Theologen ihre Probleme mit dem Bild vom allmächtigen Gott haben. Andererseits sei gerade in der persönlichen Seelsorge ein Gott, der ein persönliches Gegenüber ist, für die Menschen sehr wichtig. Sie wünschte sich mehr Dialog mit der Theologie, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen in den Gemeinden besser gerecht zu werden. Das Schlusswort sprach Klaus Bruckner von Punktsieben: „Wir sind gut beraten, wenn wir den Gedanken hochhalten, dass Gott Liebe ist.“ (nach Sabine Hebbelmann, Rhein-Neckar-Zeitung)


Von Maschinen und Menschen

Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert.

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Walldorf. Schon die Einladung führte mitten ins Thema hinein: „Ist der Einladungstext, den Sie gerade lesen, vom Punkt-7-Team erarbeitet oder von einem Algorithmus zusammengesetzt?“ Beim Diskussionsforum der Evangelischen Kirchengemeinde Walldorf ging es um Künstliche Intelligenz (KI), ein Thema, das den Walldorfern im wahrsten Sinne nahe liegt. Matthias Kaiser, selbst seit 21 Jahren beim Walldorfer Softwarehersteller tätig, begrüßte den Referenten Guido Wagner, einen Experten für Digitale Ethik, der bei der SAP an KI Projekten mitarbeitet. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage: Wer trägt die Verantwortung, wenn Entscheidungen an Computerprogramme delegiert werden?


Doch zunächst ging es darum, den Gegenstand näher zu fassen. Intelligenz gilt als das schnelle Lernen aus Erfahrung. Von Künstlicher Intelligent (KI) spricht man, wenn Systeme selbständig lernen und Entscheidungen treffen. Die Programme oder Algorithmen der KI werden durch große Datenmengen trainiert und verbessern sich dadurch selbst. Sie treffen Entscheidungen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten oder erlernten Fakten-Mustern. Wagner nannte als Beispiele für heutige Anwendungen individuell zugeschnittene Werbung, den Finanzhandel, Cyber-Attacken und die Entwicklung autonomer Waffen.


Und er wies auch auf Gefahren und Fehlentwicklungen hin. Chat-Bots die rechtsradikal werden zum Beispiel oder Flugpreise, die nach einem Hurrikan durch die Decke gingen. Der IT-Experte machte deutlich: Maschinen können Notlagen nicht erkennen und den Kontext nicht erfassen.


Sozialpädagogin Antje Valouch vom Punktsieben-Team erfährt bei ihrer Arbeit, dass viele Menschen Ängste entwickeln. „Was passiert im Miteinander, wenn ich nicht mehr weiß, ob ich mit einem Menschen oder mit einer Maschine spreche?“, fragte sie. Den Profit sah sie nur bei den Firmen. Am Ende geht es den Firmen darum, Geld zu verdienen, bestätigte Wagner. Doch wie Kühlschränke oder Kaffeemaschinen könne auch KI im Alltag nützlich sein. Die Arbeitswelt verändere sich, aber es entstünden auch neue anspruchsvolle Jobs. „Heute möchte keiner mehr der Pferdeäpfel-Aufsammler hinter der Kutsche sein“, sagte er. Fragen der sozialen Absicherung wies er der Politik zu und räumte dabei ein: „Umverteilung wird ein Problem sein.“


Ob ‚Alexa‘ und ‚Siri‘ sich dumm stellen, damit wir keine Angst vor ihnen haben, fragte sich der 21-jährige Informatik-Student Jonas Lehmann und äußerte die Sorge: „Was können wir tun gegen große Server, wenn die KI zu mächtig ist?“ Wagner antwortete mit einer Anekdote. Ein Kollege habe ihm sein neues Auto gezeigt und mit ihm über Flaschenhalter für den Rücksitz gesprochen. Am nächsten Tag habe er Werbung für Flaschenhalter auf seinem Account vorgefunden. „Wir werden an ganz vielen Stellen beobachtet, ohne es zu wissen“, stellte er fest. Selbst aus den Handy-Bewegungen in der Hosentasche würden Rückschlüsse auf den Nutzer gezogen.


Dass die Wirtschaft gegen Regulierung sei habe man bei der Auseinandersetzung um die Datenschutz-Grundverordnung gesehen, bemerkte Stefan Karcher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Heidelberg, der im ‚Interdisziplinären Forum digitaler Textwissenschaften‘ engagiert. Wirtschaftlichkeit vertrage sich nicht mit Ethik, bemerkte er und fragte nach den Entscheidungen, die KI trifft. Wer übernimmt die Verantwortung? Wer haftet?

Das sei keine Aufgabe für Entwickler der Software, entgegnete Wagner. Das müsse der Gesetzgeber entscheiden. „Ist es nicht etwas einfach, über Ethik zu diskutieren und die Verantwortung nicht zu übernehmen?“, hakte Karcher nach.

Wagner betonte, das Abgeben von Kontrolle sei die Voraussetzung, dass es KI gibt. Die Frage sei: Wer erzieht sie? Wer bringt ihr die Werte bei? Die Historie der Software zeige, dass die Ethik immer erst nachträglich aufgepfropft wurde „Bei der KI müssen wir vorab sicherstellen, dass Ethik eingebaut wird. Es könnte sonst zu spät sein.“

Die SAP hat als erstes europäisches Technologieunternehmen eigene Leitlinien für KI entwickelt und einen externen Beirat für den ethischen Umgang mit künstlicher Intelligenz geschaffen. Vertreten ist das IT-Unternehmen außerdem in einer im Juni 2018 von der Europäischen Kommission ernannten Expertengruppe, die in Kürze eine europäische Strategie für künstliche Intelligenz erarbeiten und ethische Richtlinien zu den Themen Fairness, Sicherheit, Transparenz, Arbeitswelt der Zukunft und Demokratie vorschlagen soll. Anwender sollen zum Beispiel wissen, ob sie es mit Menschen oder mit Maschinen zu tun haben.

Aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 22.3.2019